Wirtschaften mit der Natur
von Univ.-Prof. Dr. Alfred Haiger - Universität für Bodenkultur, Wien
Zur Situation (eine ökologische Negativbilanz)
In den letzten 4 Jahrzehnten hat sich am Prinzip der Landbewirtschaftung mehr geändert als in Jahrhunderten vorher. Die bäuerliche (humusmehrende) Kreislaufwirtschaft wurde von der (humuszehrenden) industriellen Landwirtschaft verdrängt.
Das führte in den westlichen Industriestaaten zu enormen Nahrungsmittelüber-schüssen, die den Eindruck etwecken könnten - und viele glauben es auch tatsächlich - daß unser derzeitiges Landbewirtschaftungssystem äußerst effektiv und rational sei. In Wirklichkeit "basiert die moderne Landwirtschaft weitgehend auf reichlich verfügbarem billigen Erdöl und eignet sich gewiß nicht für alle Zukunft" (SCHUMACHER 1980). Global gesehen, verbraucht rund 1/5 der Weltbevölkerung in den Industriestaaten knapp 4/5 der Energie- und Rohstoff vorräte unserer Erde. Das hat in der Landwirtschaft dazu geführt daß die "Weltagrarmärkte zu Abräumhalden geworden sind, auf denen die reichen Industrieländer mit hohen Subventionen ihre Überschüsse abladen und anderen Ländern aufzwingen" (WEINSCHENK 1990).
Durch die völlig falsche Agrarpolitik (gleichermaßen zutreffend für die gesamte Wirt-schaftspolitik, die auf weltweiten Freihandel setzt) werden
> sowohl die Entwicklungsländer,
> als auch die westlichen Industriestaaten
langfristig geschädigt (DALY 1994). Erstere durch die enormen Futterexporte (allein die EU-Staaten importieren jährlich fast 30 Mio t Futtermittel aus Entwicklungsländern), was großteils den Anbau von Grundnahrungsmitteln für die dortige Bevölkerung verdrängt, und in den Industriestaaten erfordert der ruinöse Preisverfall auf den Weltagrarmärkten immer größere Budgetanteile für die Flächenprämien und den Export von Überschüssen.
Politische Dogmen (nicht erkannte Irrtümer)
Wir leben im lndustriezeitalter und haben eine kapitalistische Geldordnung. In der 24-
bändigen BROCKHA US-Enzyklopädie wird der Kapitalismus wie folgt beschrieben:
"Modell einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, in der die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Beziehungen der Menschen sowie der Organisationen und Institutionen wesentlich von den Interessen derer bestimmt werden, die über das Kapital verfügen.
Es ist daher einsichtig, daß die erdrückende Mehrheit der Wirtschaftswissenschafter, die von den führenden Politikern konsultiert werden, die ihrerseits wieder von den Interessen der Kapitalbesitzenden (Kapitalisten) "bestimmt" werden, an folgende "Dogmen" glauben:
> Weltweiter Freihandel als Ordnungsprinzip (zur Gewinnmaximierung)
> Möglichkeit eines unbegrenzten Wachstums (Zinseszins-Prinzip)
> Prozentuale Lohn- und Gehaltserhöhungen (Verteilungs-Prinzip)
Alle 3 Dogmen entbehren aber - langfristig gesehen - jeder realen Grundlage.
Das einzusehen und eine grundsätzliche Umkehr im privaten wie gesellschaftli-chen Leben zu vollziehen, ist menschlich gesehen eine "Herkulesarbeit" wenn man in der Gesellschaftspyramide ganz oben angesiedelt und davon überzeugt ist, daß es persönlich einen Abstieg in jeder Beziehung bedeuten würde (Prestige, Einkommen, Lebensgewohnheiten etc.).
Will die Menschheit jedoch als Ganzes in Frieden mit sich und der Natur überleben, bleibt ihr nur eine kopernikanische Wende vom kapitalistisch-industriellen Denken und Handeln zu einem ökologisch-sozialen - und dieser Weg muß nicht erst erfunden werden! Eine "ohnmächtige" Minderheit von Wissenschaftern und Praktikern bauen seit Jahrzehnten an diesem Weg, allerdings unbemerkt, belächelt oder bekämpft von der "herrschenden" Mehrheit. Beispiele aus der Praxis wären: die Bio-bauern und Ökokonsumenten, Bahnfahrer statt Flugzeugbenutzer, Biomasse- statt Erdölverbraucher. Auch die Stimmen der mahnenden Wissenschafter, von denen stellvertretend einige genannt werden sollen, mehren sich:
> Dem Freihandels-Dogma des englischen Okonomen David RICARDO (1772 1823), das auf der internationalen Arbeitsteilung in folge der komparativen Kosten-vorteile beruht, ist DALY (1994) mit einer fundierten Analyse über die "Gefahren des freien Handels" entgegengetreten. Den zerstörerischen Wirkungen des weltweiten Freihandels mit Massengütern ist am besten durch reale Transportkosten zu begegnen. In die gleiche Kerbe schlägt auch BINSWANGER (1979, 1988) in seinen Büchern, wenn er als Strategien gegen die Arbeitslosigkeit und Umweltzerstörung zu einer "drastischen Erhöhung der Steuern auf primäre Rohstoffe und fossile Energie bei gleichzeitiger Steuerentlastung der menschlichen Arbeitskraft" rät. Eine solche Steuerreform würde auch die flächendeckende Ökologisierung der Landwirtschaft fördern, da Stickstoffdünger und Pestizide wesentlich teurer wären und sich die Leguminosen in der Fruchtfolge rechnen" würden.
> Dem Dogma vom "unbegrenzten Wachstum" hat der Club-of-Rome (MEADOWS 1972) schon vor rund 25 Jahren mit fundierten Modellrechnungen die "Grenzen des Wachstums" entgegengesetzt, die übrigens auch vom "normalen" Menschen verstand leicht eingesehen werden können (die Bäume wachsen nicht in den Himmel).
Vor kurzer Zeit ist ein neuer Club-of-Rome-Bericht in Buchform erschienen: "Mit der
Natur rechnen" (DIEREN 1995), dessen bezeichnender Untertitel lautet: "Vom
Bruttosozialprodukt zum Ökosozialprodukt".
Offensichtlich empfinden auch andere Menschen, daß in unserer volkswirtschaftli-chen Bilanzrechnung die Erde nur als Rohstofflager (das zu plündern ist) und als Abfalldeponie (die Kosten verursacht) vorkommt. Dem steht allerdings der Zinseszinsanspruch der Kapitalinhaber (als arbeitsloses Einkommen) entgegen - und das macht beim derzeitigen Schuldenstand der Entwicklungsländer wie der Industriestaaten die Dramatik der Ein kommensentwicklung für die unselbständig Etwerbstätigen aus (KENNEDY 1992).
Notwendige politische Maßnahmen (weniger/naturgemäßer/gerechter)
In dieser Situation ist der biologische Landbau schlechthin die Alternative zu diesem absurden, ökologisch ruinösen und kostspieligen Landbewittschaftungssystem, das unsere Lebensgrundlagen atu gefährdet, denn er beruht auf der natürlichen Bodenfruchtbarkeit, einer artgemäßen Viehwirtschaft (Haltung, Fütterung und Zucht) und pflegt gleichzeitig die gewachsene Kulturlandschaft. Der Landwirtschaft obliegt neben der lnlandsversorgung mit hochwertigen Grundnahrungsmitteln die Erhaltung wesentlicher Lebensgrundlagen, und die Bauern sollen dafür ein entsprechendes Einkommen erwirtschaften.
Diese 3fache Aufgabe verlangt ein Bündel von Maßnahmen, wie
> rigorose Pmduktionsbeschränkungen auf das Ausmaß der natürlichen Bodenfruchtbarkeit,
> Bindung der Tierhaltung an die Fläche,
> Abstockung übergroßer Bestände gegen finanziellen Ausgleich bzw. Einhebung von Abgaben,
> ein wirksamer Außenhandelsschutz und
> die Förderung von Alternativen (Eiweiß futter, Ölsaaten, Mutterkuhhaltung, Schafhaltung etc.).
Langfristig müßte auch das Einkommen der ökologisch wirtschaftenden Bauern über entsprechende Produktpreise gesichert werden.
Eine grundsätzliche Wende ist aber nur möglich, wenn die Politiker mehr auf die Ökologen hören als auf die Ökonomen (Gestaltungs- statt Gefälligkeitspolitik), die Wissenschafter sich an den Naturgesetzen orientieren und nicht am freien Markt (Paradigmenwechsel), aus Landwirten wieder Bauern werden (Humusmehrung) und die Konsumenten (das sind wir alle) durch ihr Kauf- und Stimmverhalten den notwendigen Druck erzeugen (= praktizierte Ethik).
Literatur
BINSWAGNER; 1-1. Cfr u. Ma. (1979).' Wege aus der Wohlstandsfalle. Fischer Taschenbuch
BINSWAGNER; 91. Ch. u. Ma (1988); Arbeit ohne Umweltzerstörung. Fischer Taschenbuch
DALY, E. (1994): Die Gefahren freien Handelns. Spektrum d. Wissenschaft, Jänner, 40-46
DIENEN, W. v. (1995): Mit der Natur rechnen. Birkhäuser Verlag, Basel
KENNEDY, M. (1992): Geld ohne Zinsen und Inflation. Geldmann Verlag, Miinchen
MEADD WS, 0. u. AAa. (1972): Die Grenzen des Wachstums. Deutsche Vodagsanstallt, Stuttgart
SCHUMACHER, 5. F. (1980): Das Ende unserer Epoche. Rowohlt Verlag, Hamburg
SCHUMACHER, 5. F. (1977): Die Rflckkehr zum menschlichen Maß. Rowohlt Verlag, Hamburg
WEINSCHENK, G. (1990): Wieviel Freihandel anregt die Landwirtschaft? Förderungsdienst 38, 6- 8
Victor Hugo